VARIATIONEN UND INTERPRETATIONEN

Es gibt unzählige Varianten der Ausführung einer Kata, die allesamt korrekt sind und ihre Berechtigung haben. Diese Unterschiede existierten bereits unter den direkten Schülern von Gichin Funakoshi, dem Gründer der Stilrichtung Shōtōkan.


Um nur die bekanntesten zu nennen:


  • Masatoshi Nakayama, Hidetaka Nishiyama und Taiji Kase: Sie gehören zur älteren bzw. mittleren Generation der JKA-Gründer.
  • Hirokazu Kanazawa, Keinosuke Enoeda und Hiroshi Shirai: Sie gehören zwar zur etwas jüngeren Generation, aber auch sie erlebten Gichin Funakoshi.


Sie alle interpretierten die Kata unterschiedlich – teils sind die Differenzen enorm. Diese verschiedenen Ausprägungen liegen legitimerweise in den unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen und den persönlichen Schwerpunkten der einzelnen Meister begründet (z. B. Kase: Fokus auf das Kraftvolle, Kanazawa: Fokus auf die Eleganz).


Daraus ergibt sich jedoch eine zentrale Frage: Wenn eine so große Interpretationsfreiheit herrscht, worauf kommt es dann überhaupt noch an?


Die Antwort liegt im Verständnis von Bunkai, der praktischen Anwendung der Techniken im Kampf. Eine Kata ist keine sterile Abfolge unflexibler Bewegungen, sondern ein verschlüsseltes Lehrbuch für die Selbstverteidigung. Die Variationen der Meister entstanden oft dadurch, dass sie unterschiedliche Anwendungen (z. B. Hebel statt Blocktechniken) in derselben Bewegung sahen und heute noch sehen.


Dies deckt sich mit dem traditionellen Lernkonzept des Shu-Ha-Ri: Während der Anfänger die Form starr kopiert (Shu, Behalten), bricht der fortgeschrittene Karateka sie auf (Ha, Brechen), um sie schließlich völlig zu verinnerlichen und an seinen eigenen Körper anzupassen (Ri, Verlassen).


Entscheidend ist letztlich nicht die starre äußere Form, sondern dass das funktionelle Grundkonzept der Kata unverändert bleibt – denn genau darin liegt ihr wahrer Schatz. Unabhängig von der Stilrichtung oder dem Meister sollte bei jeder Technik der gesamte Körper koordiniert eingesetzt und die Prinzipien der Biomechanik konsequent angewendet werden.


Bei Kata-Wettkämpfen sind seit Jahren streng einheitliche und genau vorgeschriebene Techniken und Bewegungsabläufe einzuhalten. Nur minimale Abweichungen sind zulässig, beispielsweise im Bereich des Rhythmus oder bei Zwischenbewegungen. Das hat durchaus seine Berechtigung, denn es handelt sich dabei um Wettkampfsport – also Sport-Karate –, und ein solcher Wettkampf benötigt objektive Kriterien. Wenn jeder Athlet die Techniken völlig frei interpretieren könnte, wäre eine faire Bewertung durch die Kampfrichter kaum möglich.


Das traditionelle Budō-Karate versteht sich als traditionelle Kampfkunst und Lebensweg zur Persönlichkeitsentwicklung. Es lässt bewusst Raum für individuelle Interpretationen, fordert und bewahrt dabei jedoch stets eine strenge körperliche wie mentale Disziplin.


Eine Kata ist keine starre Form, sondern ein dynamisches Prinzip. Sie wird nicht dadurch korrekt ausgeführt, dass man ein Foto exakt nachstellt, sondern dadurch, dass die Technik mit Effizienz zum Ausdruck kommt und in der Anwendung funktioniert.