Der Kampf gegen den Gelenkrost

Südwest Presse



Sport – Fiore Tartaglia will mit dem Karatekurs für Jukuren – japanisch für „erfahrene Menschen“ – Lebensqualität schenken.
Es funktioniert. Von Claudia Burst

Otto ist 71 Jahre alt.
Sein Leben lang hat der 1,90 Meter große Hüne an der Werkbank gearbeitet. Für Sport hatte er keine Zeit. Die Rechnung dafür kam im Alter: verkürzte Muskulatur, schlechte Haltung, verringerte Lungenkapazität.

Seit eineinhalb Jahren macht Otto Karate. Er gehört zu den Teilnehmern des Ü50-Karatekurses im Gschbacher Karate-Dojo Taikikan, was übersetzt heißt: Schule des Geistes und des Körpers. Inzwischen kann er seine Socken im Stehen anziehen, also während er auf einem Bein steht. Vom Stuhl steht er auf, ohne sich auf den Stecken oder am Tisch abzustützen. Das Bücken ist ebenfalls kein Problem. Und wenn der begeisterte Oldtimer-Fan eine Zeitung unter einem fahrenden Auto lesen muss, dann kommt er ohne fremde Hilfe wieder hoch. „Ich kann’s nur jedem empfehlen. Auch Jüngeren. Und diese eine Stunde Zeit finde ich jede Woche“, schwärmt Otto Hagmann von seinem neuen Sport. Stolz trägt er inzwischen den orangen Gürtel.

Sein Karate-Lehrer Fiore Tartaglia freut sich mit dem Schüler: „Lebensqualität schenken – so lautet das Ziel mit diesen besonderen Ü50-Angebot“, sagt er. Im Japanischen heißt diese Zielgruppe wertschätzend „die Jukuren“, also die Erfahrenen. Der Kurs „funktioniert unabhängig davon, ob jemand sportlich ist oder nicht“, sagt Tartaglia, die Übungen seien so zugeschnitten, dass sie für jeden passen.

„Karate ist ein Kampfkust, der Gegner das eigene Ego“, erläutert der Schwarzgurt und macht deutlich, dass zu einem Selbstkritik, zum anderen Disziplin unabdingbare Voraussetzungen dieser Sportart seien. „Nur durch ständiges Verbessern und eigene Reflektion, also der Fähigkeit zur Selbstkritik, erreicht der Karateka das Niveau, das er im Kampf gegen den Gegner erreichen will“, sagt der sechs-fache Dan-Träger. Die Disziplin zieht sich im Detail. So habe er Otto etwa den Tipp gegeben, beim Zähneputzen immer aufrecht an der Wand zu stehen oder sich die Schuhe zu binden, indem er den Fuß auf eine Stuhllehne legt und sich vorbeugt. Die meisten dieser Übungen gehören zu den Schrittfolgen und Kampftechniken, die im Karatekurs demonstriert und geübt werden.

Karate
Beim Karate werden vor allem Schlag-, Stoß-, Tritt- und Blocktechniken sowie Fußgefechtübungen trainiert. Einige dieser Hebel und Würfe werden ebenfalls gelehrt. Im fortgeschrittenen Training werden auch Würgegriffe und Nervendruckpunkte genutzt. Wer möchte, kann sich mit dem Sport intensiver als bloßer Breitensport beschäftigen. Insbesondere Beweglichkeit, Schnelligkeit und anaerobe Belastbarkeit sind das Ziel. Das moderne Karate-Training ist häufiger sportlich orientiert.



Das 58-jährige Muskelpaket demonstriert als Beispiel den „Kokutsu Dachi“, eine der Grundhaltungen im Karate. „Diese Haltung trainiert die Oberschenkelmuskulatur mit der Folge, dass bei der dazu passenden Übungen zu Hause, auf die ich aufmerksam mache, jeder sich mit der Zeit wieder aufrichten kann, ohne sich dabei abzustützen.“

Oder die Fußtritte – für einen festen Stand auf dem Stehfuß Voraussetzung ist. Die haben ein stark verbessertes Gleichgewichtsgefühl zur Folge. „Viele der Karate-Bewegungen laufen über Kreuz, das heißt, sie verbinden die rechte mit der linken Gehirnhälfte und verbessern dadurch die Koordination“, schildert Tartaglia. „Wenn also ein Karateka diese Übungen diszipliniert umsetzt, werden sich diese Bewegungen im Kopf verankern.“

Was Fiore Tartaglia vor allem nach anstrengenden Arbeitstagen besonders schätzt, ist die Ruhe, ohne sich dabei nicht denkbar ist. Sein Sport „beginnt mit Respekt und endet mit Respekt“, zitiert er Funakoshi, den Gründer der Karate-Stilrichtungen, die Tartaglia praktiziert. Dessen Konterfei schmückt eine Ecke im Dojo – gegenüber der geschwungenen Holzbücke, über die alle Sportler barfuß gehen, um zum Mattenboden der Stilvorlage Halle zu gelangen. Bevor die Sportler das Dojo betreten, verbeugen sie sich das erste Mal, dann erneut zu Beginn der Sportstunde und jedes Mal vor und nach den Kampfübungen vor dem Gegner.

Die Übungen sind anspruchsvoll. Sie sind ein Kampf gegen den Rost in den Gelenken, stellt Martin Nägele fest. Der 58-Jährige ist seit Oktober dabei, um Disziplin, mentale Stärke und bessere Reaktionsfähigkeit zu trainieren. Auch ihm gefällt es. Wie Otto. Der bereut nur, nicht schon viel früher mit diesem Sport begonnen zu haben.


Info
Der Ü50-Karatekurs im „Taikikan“ in Gosbach findet jeden Donnerstag von 18.00 bis 19.15 Uhr statt.

Fotos: Claudia Burst

Hier ist der Originalartikel:
Der Kampf gegen den Gelenkrost

Karate und Gesundheit